Rhein-History

Der Rhein ist und war schon immer eine wichtige Lebensader. Im Mittelalter gab es kaum einen besseren Weg, seine Güter Stromabwärts zum nächsten Umschlagplatz zu transportieren. Man macht sich heute oft keine Gedanken darüber, doch vor der Erfindung des Motors, stellte es eine große Herausforderung dar, die Schiffe wieder Stromaufwärts zu schleppen. Das war der Haken an der Sache und machte die Rheinschifffahrt wiederum zu einem Mühsamen und kostspieligen Geschäft. Doch zur Lösung dieses Problems später mehr.
Der Austausch von Gütern und Informationen ist Voraussetzung für das Wachsen urbaner Räume. So kommt es nicht von ungefähr, dass sich an dieser Lebensader zahlreiche, schon im Mittelalter bedeutende Städte gebildet haben wie Köln, Mainz, Worms, Speyer usw., usw.

Rhein-Karte.png
Das Bild stammt aus: http://de.wikipedia.org/wiki/Rhein

Nicht nur Städte reihen sich wie Perlen an der Rheinschnur aneinander. Auch die vielen, bis heute gut erhaltenen Burgen fallen ins Auge, und versetzen uns in eine romantisch schaurige Stimmung.
Viele Burgen waren Zoll- und Mautstationen, die ihren Burgherren eine sichere Einnahme bescherten. Diese sorgten ihrerseits für die Sicherheit auf diesem Wasserweg. Denken wir an die Mautstationen an den Autobahnen, ist es heute nicht anders.
Darüber hinaus stößt man am Rhein auf zahlreiche Klöster, die überaus erfolgreich wirtschafteten und für einen kulturellen und wissenschaftlichen Fortschritt sorgten.



Hildegard von Bingen (1098 – 1179)



Fast jeder kennt sie! Oder? Nicht zu Letzt wegen des Filmes, der 2009 in den Kinos lief (Vision Aus dem Leben der Heiligen Hildegard).


Sie ist eine faszinierende Persönlichkeit, die mich seit langem beschäftigt. Nicht weil ich gläubige Katholikin wäre. Nein! Mich faszinieren die Energie, mit der sie ihre Ideen umgesetzt hat und ihre Kraft, trotz alle Widrigkeiten ihren Weg zu gehen. So hat sie um 1150 (ja, im 12. Jahrhundert, als noch raubeinige Männer die Welt beherrschten. So zumindest unsere Vorstellung vom Mittelalter aus den Büchern von Ken Follett und Co.) in Bingen am Rhein auf dem Rupertsberg ein eigenes Kloster gegründet und erbaut.
Kloster Rupertsberg in Bingen

Um solch ein Projekt umzusetzen, gehörte schon damals eine gehörige Portion Mut, gute Kontakte, Geld und ein starker Willen dazu. Immerhin wurde die Klosterkirche halb so groß wie der Mainzer Dom.
Leider ist von der damaligen Klosteranlage Rupertsberg fast nichts mehr übrig geblieben. Nach Hildegards Tod verlor das Kloster mehr und mehr an Bedeutung. Im Dreißigjährigen Krieg wurde die Anlage weitgehend zerstört, und im Zuge der Jahrhunderte wurden die Steine des Klosterkomplexes als Steinbruch benutzt. Ich meinerseits dachte, dass nichts mehr von der ehemaligen Klosteranlage übriggeblieben sei, bis ich in der Wochenzeitung auf einen Artikel über eine Führung auf den Spuren der heiligen Hildegard mit Besichtigung des Kellergewölbes des ehemaligen Kloster Rupertsberg gestolpert bin. Besichtigung des Kellergewölbes? Das hörte sich verlockend an. Also rein in bequemen Schuhe, Rucksack aufgeschnallt und ab geht’s.

Von Rüdesheim kommend muss man erst die Fähre besteigen, um trockenen Fußes auf die andere Rheinseite zu gelangen.

Der Rhein zwischen Rüdesheim und Bingen  

Ich war ganz erstaunt, wo sich der heutige Eingang zu diesem Keller befindet. Man muss über einen ganz normalen, ja schnöden Parkplatz an dem Sonnenstudio „Sun 4 you“ vorbei und voilà! Da stößt man auf eine verschlossene Glastür mit einer Infotafel nebendran.

Infotafel zwischen Bräunungsstudio und Glastür
Durch die Glastür erblickt man eine moderne Treppe, die in die tiefe führt. Falls sich jemand für eine Führung interessiert, bitte im Touristeninfo der Stadt Bingen nachfragen. Denn ohne Führung kommt man nicht durch diese Tür, nicht die moderne Treppe hinunter, und nicht in diesen stimmungsvollen Gewölbekeller hinein.


Der Gewölbekeller lässt einem in etwa erahnen, wie es hier im Mittelalter gewesen sein musste. Vor allem an dieser Stelle:

Hinter dem Fenster geht es steil hinab zu den Bahngleisen am Naheufer.

Heute wird der Keller für zahlreiche Veranstaltungen  genutzt.

Wie man auf dem Foto sieht, ist der Keller bestens saniert und modernisiert. Es tut der Stimmung aber keinen Abbruch. Vor allem wenn im Hintergrund aus Lautsprechern die Musik der Hl. Hildegard erklingt. Denn sie war nicht nur Nonne, Ordensgründerin, Visionärin, Wissenschaftlerin, Medizinerin und Autorin zahlreicher Bücher, sondern auch Komponisten. Hier könnt ihr euch ein paar Klänge anhören.


Schon zu Lebzeiten wurde Hildegard als Heilige verehrt und viele Frauen wollten ihrem Orden beitreten. So kam es, dass sie auf dem Rupertsberg bald niemand mehr aufnehmen konnte. So erwarb sie auf der gegenüberliegenden Rheinseite in Eibingen bei Rüdesheim ein Augustinerkloster. In diesem Kloster war es nun auch unadligen Frauen erlaubt, in ihr Kloster einzutreten.
Das Klosterleben im Hildegardiskloster in Eibingen ist bis heute lebendig geblieben. Die Schwestern des Klosters halten das Wissen und Wirken Hildegards bis heute am Leben. Ein Klosterladen und zahlreiche Veranstaltungen um das Leben und Wirken der Hl. Hildegard ziehen viele Interessierte aus Nah und Fern an.

Jedes Jahr am 17.09. findet in Eibingen das Hildegardisfest statt. In der Eibinger Pfarrkirche befindet sich auf dem Altar ein Schrein mit den Reliquien der heiligen Hildegard, der an diesem Tag bei einer Prozession durch den Ort getragen wird. Das heutige Kloster wurde Anfang des 20. Jahunderts an den Hängen der Weinberge oberhalb von Eibingen neu errichtet. Hildegards Reliquien befinden sich aber nicht in der Klosterkirche, sondern in der Eibinger Pfarrkirche, wo sich das Kloster einst befand.

Der Reliquienschrein der heiligen Hildegard in der Pfarrkirche Eibingen

Hildegard von Bingen wurde jedoch bis heute vom Vatikan nicht heilig gesprochen. Man könnte sagen, der Antrag auf Heiligsprechung läuft seit 1228 immer noch. Wird sie nun unter Benedikt XVI, der sich viel mit den Schriften der Hl. Hildegard beschäftigte, heilig gesprochen? Wenn ja, was wird aus der kleinen Wallfahrtskirche in Eibingen?


Hildegard von Bingen wurde am 10.05.2012 heilig gesprochen


Nun ist es endlich so weit. Für viele Katholiken ist ein jahrhundertealter Wunsch in Erfüllung gegangen. Papst Benedikt XVI. hat die heilige Hildegard in einer Katechese vom 8. September 2010 als „Prophetin von großer Aktualität und Gesandte Gottes sowie als weise Frau, die wach und mutig die Zeichen der Zeit erkannte“, bezeichnet. Sie wurde am 10.05.2012 heiliggesprochen.


Das bedeutet für die relativ kleine Gemeinde Eibingen eine große Herausforderung und Chance zugleich. Die Pilger- und Besucherströme werden dadurch deutlich zunehmen und die Anforderungen werden steigen. Doch ich denke, die Eibinger werden gemeinsam mit dem Kloster Abtei St. Hildegardis dieser Aufgabe gewachsen sein.



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen