Dienstag, 26. August 2014

Der Rheinromantik auf der Spur


Vom Wandervirus infiziert (dagegen helfen Gott sei Dank, keine Pillen), kam mir ein Gedanke: Warum nicht das Wandern mit dem Schreiben verbinden? Genau an dieser Stelle des Mittelrheintals überkam mich diese Idee:  

Der Blick vom Rheinsteig auf Kaub
Warum nicht schreibend die Rheinromantik wieder aufleben lassen? Und zwar im Ostein'schen Park, der schon vor über 200 Jahren die Romantiker wie Clemens Brentano und Achim von Arnim, die Begründer der Rheinromantik, anzog. Als ich diese Idee meiner Tell-Team-Kollegin Susanne Kronenberg (auch vom Wandervirus befallen), mitteilte, war sie sogleich begeistert. Genauso wie die Redaktionen von Wiesbadener Kurier und Rheingauecho, die darüber berichteten und die Verwaltung der Staatlichen und Schlösser und Gärten Hessen, die dieses Event in ihrer App „Impuls Romantik“ aufnahmen.

Wie zu erwarten war, rannte man uns nicht gerade die Türen ein. Viele verspüren Hemmungen, selbst schreibend tätig zu werden. Verständlich, denn da steckt noch zu sehr der Schreck vom Rotstift des Lehrers in den Knochen und wenige wissen, was das kreative Schreiben genau sein soll. Außerdem denken viele, dass das Schreiben nur für einen bestimmten Kreis von Menschen, die sich Autoren nennen, reserviert sei. Doch wir sind genauso wie der Romantiker Friedrich Schlegel (1772-1829) davon überzeugt: „Jeder Mensch ist ein Dichter!“  
Portrait Friedrich Schlegel von Franz Gareis  1801
Wer reden kann, kann auch schreiben, heißt die Devise. Nur, dass das Schreiben viele nützliche Nebeneffekte hat, wie z.B.:
Zeit für sich nehmen,
seine Gedanken pflegen,
über sich selbst staunen,
sein „Gesagtes“ nach einem Jahr noch einmal hervorholen …  doch ich schweife ab.
Am 24.8. war es dann endlich so weit. 6 Rheinromantik-Schreibpioniere fanden sich am Rüdesheimer Jagdschloss ein, bereit schreibend Amors Garten zu erkunden.
Zunächst machten wir es uns am Jagdschloss bequem und schrieben darüber, wie es denn wäre, wenn wir fliegen könnten. Anregung dazu gab uns Eichendorf mit seinem Gedicht "Mondnacht" (1837):

Es war, als hätt der Himmel │ Die Erde still geküßt, │ Daß sie im Blüten-Schimmer │ Von ihm nun träumen müßt. │ Die Luft ging durch die Felder, │ Die Ähren wogten sacht, │ Es rauschten leis die Wälder, │ So sternklar war die Nacht. │ Und meine Seele spannte │ Weit ihre Flügel aus, │ Flog durch die stillen Lande, │ Als flöge sie nach Haus.

Gemütlich wanderten wir weiter zur Zauberhöhle. Aufgabe war es, sich der Dunkelheit hinzugeben und dabei ganz auf seine Sinne zu achten, um den Kontrast von Hell und Dunkel so intensiv wie möglich zu erleben. Denn:
»Auch unser Gemüt teilt sich wie die äußere Welt zwischen Licht und Dunkel, und der Wechsel von Tag und Nacht ist ein sehr treffendes Bild unseres geistigen Daseins. [...] Der Sonnenschein ist die Vernunft als Sittlichkeit auf das tätige Leben angewandt, wo wir an die Bedingungen der Wirk-lichkeit gebunden sind. Die Nacht aber umhüllt diese mit einem wohltätigen Schleier und eröffnet uns dagegen durch die Gestirne die Aussicht in die Räume der Möglichkeit; sie ist die Zeit der Träume.«(August Wilhelm Schlegel: Ueber Litteratur, Kunst und Geist des Zeitalters)

Alle sechs Teilnehmer nahmen es auf sich, durch die stockfinstere Zauberhöhle zu gehen, auch wenn es einigen sehr mulmig dabei war. 
An den Texten, die dabei entstanden, war interessant, dass jeder diesen Kontrast ganz anders erlebt hatte. Aber alle waren einer Meinung, man nimmt seine Umgebung schärfer wahr, wenn man vorher durch diesen finsteren Tunnel geht. Danke an Graf Amor für seine Zauberhöhle, die unsere Sinne schärft.

Aber ein Mittelrheintal-Event kommt niemals ohne Genuss aus. So ließen wir es uns mit Sekt, Spundekäs, Käsewürfeln und Brezeln gut gehen. Wir mussten dabei feststellen: Dieser Park ist einfach nur zauberhaft! Und viele fragten sich, warum sie ihn nicht schon vorher entdeckt hatten.

Da der Osteinsche Park momentan mit viel Aufwand verschönert wird, sahen wir die Baustellen auf unserem Weg als gutes Zeichen, auch wenn das Konzept unserer Tour dadurch etwas durcheinander geriet. Mit unseren Campingstühlen machten wir es uns sogar vor einem Bauzaun bequem, und ließen Kraft unserer Fantasie ein Mädchen in Schuhen aus Sternenstaub durch das Land ihrer romantischen Träume reisen. Das Märchen ist nämlich eines der Leitgattungen der Romantik.
Während die Teilnehmerinnen ihre Texte vorlasen, hatte ich Gänsehaut vom Feinsten. Wundervolle Geschichten sind einfach so aus den Federn geflossen.  
Am Niederwaldtempel angekommen, waren wir von dem Ausblick genauso begeistert, wie eins Graf Amor, Goethe, Achim von Arnim, Clemens Brentano, und, und, und … , die ebenfalls hier entlang schlenderten.

Die Rheinromantik-Schreib-Pioniere am Niederwaldtempel

Die Aussicht vom Niederwaldtempel auf den Rhein
An dieser Stelle lernten wir die „Blaue Blume“, DAS Symbol der Romantik kennen. "Die blaue Blume ist aber das, was jeder sucht, ohne es selbst zu wissen, nenne man es nun Gott, Ewigkeit oder Liebe." – (Ricarda Huch)

Unterhalb des Niederwaldtempels befindet sich das Rebenhaus, ein Weinlokal mit einem grandiosen Ausblick. Hier ließen wir es uns schmecken und die "Blaue Blume" gab jeder "Schreibbegabten" einen guten Wunsch mit nach Hause.

 
Nun stand noch die letzte Etappe an. Wir entschieden uns dafür, über die Sandallee zum Jagsdschloss zurückzuwandern, den Weg also einzuschlagen, den Graf Amor selbst zu seinem Lustschloss nahm. Hier noch ein paar Infos für Interessierte: Osteinscher Parkwald

Für mich war es ein großartiger Sommertag! Wir haben viel Spaß gehabt und einiges gelernt:
über die Romantik,
über uns selbst,
haben die Ausblicke genossen,
das Wandern ausgekostet, 
waren ganz bei uns selbst, weit ab von der Hektik des Alltags. Genauso wie es die Romantiker auch getan hätten.
Da ich nicht nur von dem Wander- und Schreib-, sondern auch vom Bloggervirus ;-) befallen bin, nimmt dieser Sommerbeitrag teil an der Blogparade #mein_Sommer vom Netzwerk Ariadne teil :-)
Wünsche allen noch wundervoll romantische Sommertage:-)
Rheinschreiber 

P.S. Falls sich jemand für weitere Schreibevents und Kurse interessiert, hier gibt es noch mehr Infos: www.tell-team.de

Mittwoch, 20. August 2014

Siebold von Sooneck der Fein-Geist wider Willen

Grusel, Grauen und Spuk habe ich zu Lebzeiten verbreitet. Als Raubritter und Herr von Sooneck wusste ich mir zu holen, was ich begehrte. Sogar das Augenlicht von Ritter Veith von Fürsteneck habe ich gestohlen. Verflucht soll er sein, dieser aufgeblasene Schütze und feige Mörder! Sein Pfeil steckt mir heute noch im Halse.

Wie? Sie kennen meinen Namen nicht? Siebold hört sich mittelalterlich an? Ja, ich gebe zu, die Zeit ist seit 1266 schnell vergangen, als ich noch aus Fleisch und Blut über Burg Sooneck herrschte und jeder meinen Namen mit Ehrfurcht nannte. Ach, das waren noch Zeiten! Bis zu jenem Tag, als ich Veith, den ich geblendet und eingesperrt hatte, während meines großen Gelages die Freiheit schenken wollte. Veiths Aufgabe war, trotz seiner leeren Augenhöhlen mit Pfeil und Bogen den goldenen Becher in meiner Hand zu treffen, um von dannen ziehen zu können. Stattdessen zielte er daneben …   
Wie gerne würde ich heute wie alle anderen Geister und Gespenster um Mitternacht Angst und Schrecken verbreiten.  Doch nicht nur, dass mir Veiths Pfeil störend im Halse steckt und ich überall damit hängen bleibe, viel schlimmer ist dieser vermaledeite Fluch, den Veith mir mit seinem Pfeil auf den Hals schickte. Nun sitze ich als Geist mal auf dem Dachboden, mal im Verließ meiner Burg Sooneck und muss schreiben. Verflucht zu feingeistigen Ergüssen, fülle ich mit meinem Federkiel Seite um Seite die Chroniken von Burg Sooneck. Sogar schnulziges Liebesgeflüster fließt aus meiner Feder, auch wenn ich es hasse.  
Wann wird der Tag kommen, an dem ich erlöst werde und hinabsteigen kann in die Hölle, wo die ruchlosen Raubritter, meine Zech- und Saufbrüder auf mich warten?  

Das einzig Gute an diesem feingeistigen Fluch ist, dass ich nun per Du bin mit einem wahrlich großen Geiste: Dem Vater Rhein!
Ich  gehe gleich mal … doch Moment, was hören da meine feingeistigen Ohren? Ich soll Konkurrenz bekommen? Habe ich richtig gehört? Aber, was soll das denn sein, ein Burgenblogger? Ich lausche, ich höre … jemand, der hier in meinem Gemäuer einziehen und über das Mittelrheintal schreiben soll? Das ist ja mal was Neues! Wird es ein Frauenzimmer oder ein Mann sein? Frauenzimmer können heutzutage ja auch schreiben. Was für verrückte Zeiten! Diese Nachricht werde ich gleich in den Chroniken der Burg Sooneck vermerken. Ist das denn zu fassen? Ist er oder sie auch verflucht, oder gar freiwillig hinter der Schreibarbeit her? Ich werde diesen Burgenblogger oder vielleicht doch lieber Bloggerin (?) nicht aus den Augen lassen! Das verspreche ich! Wer weiß, was sich daraus ergibt? Wo ist mein Federkiel?    
Dies ist der erste Streich von Siebold von Sooneck dem Feingeist wider Willen. Rheinschreiber wünscht keinem #Burgenblogger ihm zu begegnen ;-) Außer auf der Blogparade von http://www.babak-zand.de/aufruf-zur-blogparade-die-burgenblogger/