Montag, 9. Januar 2012

Reisefieber


Kann jemand, der dem Rhein beim dahinfließen zuschaut, nicht vom Reisefieber gepackt werden? All diese Abermillionen Wassertröpfchen müssen doch irgendwoher kommen, irgendwohin gehen. Wo ist ihre Heimat, was ist ihr Ziel? Welch langen Weg müssen sie hinter sich gelassen haben, bis sie hier vor unseren Augen vorbeifließen? Ob eines dieser Tröpfchen jemals wieder hierher zurückkehren wird? Wahrscheinlich nicht. Oder vielleicht doch? Keiner weiß es. Aber wir Menschen kehren immer wieder an die Orte zurück, die wir unsere Heimat nennen. Die meisten Menschen nennen wohl einen Ort ihre Heimat, andere zwei oder vielleicht noch mehr Orte. Ich persönlich darf zwei Orte meine Heimat nennen. Zum einen den Rheingau, wo ich seit meinem 11. Lebensjahr lebe, wo ich schreibe, wo meine Familie ist. Zum anderen Teheran, die Hauptstadt des Iran, wo ich meine Kindheit verbrachte. Lang, lang ist es her, aber wie es so ist mit der Kindheit. Sie scheint ein fast endloser Zeitraum gewesen zu sein, viel länger als alle Lebensspannen zusammengenommen. Vielleicht weil man nicht weiß, wann sie genau begann und wann sie aufhörte. Oder vielleicht weil man als Kind alles auf dieser Welt neu entdeckte, Farben, Düfte, Räume, Wörter, Menschen … und für viele, die den Ort ihrer Kindheit verlassen, oder verlassen mussten, so bleibt er dennoch ganz lebendig in ihren Erinnerungen und Träumen. Doch was wird aus diesen Erinnerungen, wenn man an diesen Ort zurückkehrt?

Mich packt jedes Jahr aufs Neue das Reisefieber und ich mache mich auf den Weg nach Teheran, meiner Heimat aus Kindertagen. Und ich muss sagen, das heutige Teheran hat wenig gemein mit dem Ort meiner Kindheitserinnerungen aus den 70igern. Hatte diese Stadt zu dieser Zeit etwa 6 Millionen Einwohner, so ist sie heute auf das doppelte angewachsen. Viele alte Viertel wurden abgerissen, um Platz für moderne Hochhäuser oder Highways zu machen, doch zwischen all diesen Neuerungen aus Beton, Stahl und Glas blitzt das alte Teheran hervor. Da biegt man von der breiten Stadtautobahn in eine kleine Gasse. Und da, sie sieht noch genauso aus wie damals. Dieselben Häuser und Fassaden. Nur die Autos, die davor parken, sind moderner und die spielenden Kinder auf der Straße sind andere. Oder man schlendert durch einen der zahlreichen Parks und entdeckt die Beete, die Wasserspiele, die Spielplätze seiner Kindheit wieder. Da bleibt einem gar nichts anderes übrig, als wenigstens für einen Augenblick nostalgisch zu werden und die Augen zu verschließen vor den großen Problemen, die dieses Land beherrschen. Genauso wie es alle Iraner mehr oder weniger tun. Ich bewundere diese Menschen, die mit unglaublich viel Kreativität und Kraft ihren Alltag an all die vorherrschenden Schwierigkeiten anpassen und sich weder ihren Mut, noch ihre Lebenslust, noch ihren Humor nehmen lassen. So gibt es neben all den Repressalien, Problemen und Hindernissen ein Leben, das fröhlich, bunt und voller Optimismus ist. So möchte ich ein paar Bilder von meiner letzten Reise Anfang Januar 2012 zeigen, die einen wunderschönen Iran jenseits der politischen Zerwürfnisse zeigen, die den Iranern schwer zu schaffen machen.
Es weihnachtet sehr, sogar in Teheran ... gesehen im Schaufenster eines Geschäfts in der Vali-Asr Straße.
Eine alte Einkaufspassage in der Vali-Asr Straße.
Orientalische "Sächelchen"

 Ausflug zu dem kleinen Ski-Gebiet "Ab-Ali" nordöstlich von Teheran

Hier entstehen mitten im Nichts riesige Wohnblocks mit Geschäften, Schulen und einer Universität (neben der Autobahn Richtung Ab-Ali)

Hier sieht man eine alte Gasse in dem früher kleinen Dorf "Rude Hen", das sich auch zu einer richtigen Stadt mit Uni gemausert hat.

"Rude Hen" besitzt jetzt sogar einen kleinen Freizartpark. Früher (in den 70igern) lebten nur wenige Menschen in diesem Dorf.

Die Talstaion von "Dizin", einer der höchstgelegenen Ski-Gebiete der Welt (3500 m) keine drei Stunden von Teheran entfernt. Mitten im Elburs Gebirge :-)

Die letzten Vorbereitungen, bevor es auf die Piste geht.

Es ist Samstag (ein ganz normaler Arbeitstag im Iran, die Freitags "Sonntag" haben), deshalb sind die Pisten fast Menschenleer. Freitags ist hier bei schönem Wetter die Hölle los.

Das Restaurant an der Mittelstation von Dizin.

Nirgendwo sind Schneekanonen zu sehen, und die Pisten sind ein Traum, 0,00% Eis, keine Steine, nur feinster Pulverschnee :-)

Im Vordergrund Traumpiste, im Hintergrund der Damavand, der höchste Berg des Elburs Gebirges mit stolzen 5610 Metern. Er ist einfach wunderschön!!!!

Nach dem Ski-Fahren geht es auf der anderen Seite der Berge hinunter zum kaspischen Meer.

Durch Felsen und ...

... Schluchten hindurch

Zwei Stunden später und noch in den Ski-Klamotten am Strand des Kaspischen Meeres.

Am nächsten Morgen am Kaspischen Meer. Die Berge sind im Hintergrund gut zu erkennen.

Die Ferienhäuser der reichen Iraner am Kaspi.

Hier noch ein Exemplar.

Am Samstag (31.12.2011) noch Ski gefahren, am Sonntag (01.01.2012) Orangen gepflückt. Eigentlich das Paradies.

Am Strand. Auch hier ist am 01.01.2012 nichts los. Es ist recht kühl und keine Ferienzeit. Die Iraner feiern nicht am 31.12. Silvester, sondern am 21.3. das iranische Neujahresfest mit Jahreswechsel, Geschenken, Ferien usw., usw.

Im März zum Neujahresfest und im Sommer ist hier der Teufel los. Am Strand wird ein neuer Hotelkomplex mit Einkaufspassagen gebaut.

Im Hintergrund das neue Hotel, davor Fischerboote.

Ein Fischer bei der Arbei. Das riesige Netz muss ausgebessert werden.

Die Fischer ziehen das Netz, das sie über Nacht ausgelegt hatten, am Vormittag wieder ein.

Ein typisches Kaspi-Fischerboot

Jetzt geht es über die Berge wieder zurück nach Teheran. Hier eine Werbung für ein 3-D Kino.

Noch schnell Proviant für die Heimfahrt kaufen. Es ist Schnee und Regen gemeldet. Hoffentlich kommen wir gut über den Pass.

Puh geschafft. Der Passtunnel ist durchquert! Ab jetzt geht es wieder bergab Richtung Teheran ...

... vorbei am Stausee von Karaj, Teherans Wasserspeicher

Eine der vielen, vielen Parkanlagen in Teheran.

Wasserspiele gehören unbedingt zu jedem Park, egal wie groß die Anlage ist.

Winter in Teheran.


Ich hoffe wirklich von ganzem Herzen, dass die politischen Querelen und das ewige Säbelrasseln aufhören, damit die wunderbaren Menschen in diesem schönen Land keine Angst um ihre Zukunft mehr haben müssen. Wenn ich etwas dafür tun könnte, würde ich es tun. Doch leider bin auch ich nur ein Tropfen in dem Meer von Menschen, Ideen und Interessen, die sich um dieses Land ranken.
In diesem Sinne, hoffen wir das Beste lieber Leser!



Kommentare:

  1. Wunderschöne Bilder <3
    Fühl Dich gedrückt
    GGLG, Jasmin

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  2. Ganz,ganz tolle Fotos. Das mit den "Gezeiten"-Wechsel zwischen Ski fahren (in der Halle) und den nächsten Tag am Strand, kenn ich auch nur zu gut.

    Liebe Grüße aus Fujairah

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  3. Eine Skihalle in der "Wüste" stelle ich mir auch interessant vor. Liebe Grüße in den Orient :-)

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